The Ghan

31.07.-01.08.13

Der Zug ist vielleicht das ungewöhnlichste Fortbewegungsmittel in Australien, gehört also zu einer ordentlichen Reise dazu. Der Ghan fährt die Strecke von Darwin nach Adelaide, also einmal durchs Rote Zentrum, und macht nur wenige Zwischenstopps – kein Wunder, so viel ist da ja auch nicht. Einer der Stopps ist Alice Springs, und dort wollte ich auch hin. Wie praktisch. Der Bau der Strecke begann 1878, wurde dann aber für entspannte 40 Jahre in Oodnadatta unterbrochen. In dieser Zeitspanne karrten Kamele, die von afghanischen Treibern geführt wurden, Fracht und Passagiere nach Alice Springs. Als die Strecke dann 1929 fertig gestellt wurde, war diese Übergangszeit mit den hart arbeitenden Afghanen der Grund, weshalb sich der Name „The Ghan“ etablierte. (Weitere Ergänzungen bitte durch Basti. Danke.)

Entsprechend abenteuerlich ist auch das Prozedere vor und während der Zugfahrt. Ich hatte ja, an deutsches Zugfahren gewöhnt, gedacht, dass ich ins Stadtzentrum von Darwin gehe, in den Zug einsteige, und dann in Alice Springs wieder aussteige. Denkste. Erstmal musste ich den Shuttle-Bus aus Darwins Innenstadt nehmen, der mich zum Ghan-Bahnhof brachte, welcher noch weiter draußen war als der Flughafen. Dort musste ich mein Gepäck einchecken lassen (bis max. 20kg erlaubt, sonst Topzuschlag) und vor dem Zug noch meine Reservierung vorzeigen. Matthias aus der Schweiz, den ich während dieses ganzen Prozesses kennenlernte, meinte: „It’s more confusing than plane travel.“ (Da wussten wir noch nicht, dass wir beide einigermaßen deutsch sprechen können. Als guter Tourist fängt man Gespräche ja erstmal auf englisch an.) Nachdem ich dann meinen zukünftigen Nachbarn aus den Philippinen von meinem Platz wegkomplimentiert hatte (ich hatte zufälligerweise einen Fensterplatz und den wollte ich sehr ungern hergeben), ist der Zug gegen 10.00 Uhr losgefahren.

Ich habe leider keine Fotos vom Innenraum gemacht, aber es war komfortabel und ich hatte sehr viel Platz – ich konnte meine Beine fast komplett ausstrecken. Außerdem hätte man den Sitz fast komplett flach stellen oder etwas schräg drehen können, wenn man denn mit den Nachbarn hätte sprechen wollen. Ich saß in der günstigsten Klasse, dem Red Service Ready Rail-Wagen. Davon gab es nur einen, alle anderen Wagen waren entweder Gold- oder sogar Platin-Waggons (die das Doppelte bzw. Dreifache gekostet hätten), durchweg besetzt mit netten alten Leuten, meist wohl Australiern. Trotz unterster Kategorie (hier könnte ich mal wieder aus Bill Bryson zitieren, lasse es aber), gab es an Bord neben der Kantine noch Toiletten und sogar eine Dusche – die Fahrt sollte ja immerhin 23 Stunden dauern.

Wobei das, wie ich nach und nach mitbekommen habe, nicht die reine Fahrtzeit ist. Denn obwohl 1400km ziemlich weit sind, wäre das durchaus schneller zu schaffen. Zumindest wenn der Zug schneller als 80-100km/h fahren dürfte und er nicht einen geplanten vierstündigen Aufenthalt in Katherine hätte. Dort konnte man nämlich noch ein paar Touren machen, wenn man nicht vier Stunden am langweiligen Bahnhof herumsitzen wollte. Da ich aber schon in der Katherine Gorge war, bin ich lieber nach Katherine-Town gefahren und habe im Shuttlebus das Alter gehörig heruntergezogen. (Fühlte sich auch mal wieder schön an.) Dort bin ich zwar auch schon gewesen, konnte so aber zumindest was zu Mittag essen und etwas herumstreunen.

Als es dann wieder weiterging, habe ich mich mit Matthias und Dörte aus Delmenhorst in den Speisewagen verzogen und sie haben mir ein neues Kartenspiel mit dem schönen Namen „Shithead“ beigebracht, welches wir dann mindestens vier Stunden lang gespielt haben. Danach ging’s ab ins Bett (= Sessel) und ich konnte noch ca. sieben Stunden schlafen – gut, dass ich schnarchgeräuschresistent bin (Dörte ist das nämlich nicht und hat nur ca. drei Stunden geschlafen).

Nach einem leider wenig spektakulären Sonnenaufgang (ich hatte ja mit Ödnis hoch drei gerechnet, stattdessen stehen da dauernd Büsche und Bäume im Weg) kamen wir dann um 9.00 Uhr in Alice Springs an. Am Bahnhof habe ich mich noch schnell nach dem Weg zu meinem Hostel (Haven Backpackers) durchgefragt (ja, man hätte sich auch vorher einen Plan ausdrucken können). Dieses war praktischerweise nur fünf Gehminuten vom Bahnhof entfernt, sodass ich mir den Shuttlebus diesmal sparen konnte (Taxis waren überraschenderweise gar nicht da) und mit meinen neuen irischen Mitbewohnern gleich einchecken und nach einer kurzen Ruhepause Alice Springs erforschen konnte.

6 Gedanken zu „The Ghan

      1. Sebastian Winkelmann

        Gefällt mir. Somit würde ich ja zur Zeit für die Hälfte fahren können.

        Tolle Bilder vom Ghan 🙂 interessant ist auch, dass die zweite Lokomotive eine sogenannte ‚Angstlok‘ ist. Sie wird also nicht wegen ihrer Traktionskraft benötigt sondern für den Fall das die Zuglok mitten in der Pampa ausfällt. Und natürlich damit die Zuglok sich nicht so alleine fühlt…ist ja doch eine lange Wegstrecke.

        Wie ja schon von dir gewohnt, eine tolle Reisedoku – weiter so!

        Viele Grüße aus Hamburg

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        1. Tobi Beitragsautor

          Genau so habe ich mir das vorgestellt. Gewohnt qualifizierte und kompetente Ergänzungen. Dafür mache ich mir gerne die Mühe 😉

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  1. Gunnar

    Eine gelbe Lok vor einer roten ist übrigens typisch für den mittleren Norden Australiens (übrigens genauso
    wie für Teile von Usbekistan und Armenien).
    Siehst Du Tobi, nicht nur Basti kann kompetente Ergänzungen schreiben…

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    1. Tobi Beitragsautor

      Sehr gute Ergänzungen, lieber Gunnar. Weiter so und nicht nachlassen, dann wird es bestimmt noch ein sehr erfolgreicher Abschluss in Lokomotivologie. Und vielleicht kannst Du ja auch noch promovieren, mit Basti als Doktorvater?

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